Forschung und Lehre
Heidelberger Forschungsprojekt gibt NS-Opfern Namen und Geschichte zurück

983 Einträge, 84 bislang recherchierte Lebensgeschichten: Die neue Internetseite „Erinnerte Opfer“ macht die Schicksale von Menschen sichtbar, deren Körper während der Zeit des Nationalsozialismus in die Heidelberger Anatomie eingeliefert wurden. Das Forschungsprojekt der Medizinischen Fakultät Heidelberg der Universität Heidelberg verbindet historische Forschung, digitale Dokumentation und Gedenkarbeit. Die als digitaler Erinnerungsort und Forschungsplattform konzipierte Internetseite soll kontinuierlich um weitere Biografien ergänzt werden.
Auf www.erinnerte-opfer.de können Interessierte erstmals das digitalisierte Leichenjournal des Instituts für Anatomie und Zellbiologie der Medizinischen Fakultät Heidelberg der Universität Heidelberg sowie Biografien der dort verzeichneten Personen einsehen. Ziel des zugrundliegenden Forschungsprojekts ist es, die individuelle Geschichte der Betroffenen zu erforschen und ihnen ihre Namen und Biografien zurückzugeben. Das Projektteam um Sammlungskuratorin Dr. Sara Doll leistet damit einen Beitrag zur historischen Aufarbeitung dieses Teils der Institutsgeschichte.
Im sogenannten Leichenjournal wurden seit 1816 die Einlieferungen von Verstorbenen verzeichnet, deren Körper für Lehre und Forschung verwendet wurden. Im Mittelpunkt des Projekts stehen die Lebenswege der Menschen, deren Körper – häufig nach Hinrichtung und ohne Wissen und Zustimmung der Angehörigen – den Medizinern während der NS-Zeit zur Verfügung gestellt wurden.
„Mit der Internetseite schaffen wir einen Ort des Erinnerns und der historischen Aufklärung“, sagt Dr. Doll vom Institut für Anatomie und Zellbiologie. „Die Aufarbeitung ist auch heute noch relevant. Obwohl sich keine Präparate aus dieser Zeit mehr im Institut nachweisen lassen, erreichen uns weiterhin Anfragen von Angehörigen, Forschenden oder Initiativen. Wir möchten dazu beitragen, die Schicksale dieser Menschen sichtbar zu machen und offene Fragen zu beantworten.“
Leichen spielten über Jahrhunderte hinweg eine zentrale Rolle für die anatomische Ausbildung von Medizinstudierenden. Ihre Herkunft war dabei häufig eng mit gesellschaftlichen Machtverhältnissen verbunden. Während der NS-Zeit stieg die Zahl der Hinrichtungen stark an; Anatomische Institute im Deutschen Reich erhielten dadurch mehr Leichen als jemals zuvor.
Die Datenbank umfasst sämtliche Personen, die in der Zeit zwischen 1933 und 1944 zur Anatomie Heidelberg gebracht wurden; 1945 gab es keine Einlieferungen. Insgesamt sind es 983 Einträge, die nun durch Forschende und Angehörige offen recherchiert werden können. Für 84 Personen recherchierte und veröffentlichte das Projektteam bereits Biografien. Die Internetseite, an deren Inhalten die Forschenden seit etwa einem Jahr arbeiten, soll kontinuierlich erweitert werden. Interessierte können in der digitalen Datenbank nach verschiedenen Kriterien recherchieren, etwa nach bereits vorhandenen Biografien, nach Eingangsdatum, Namen, Beruf, Alter oder Todesursache.