Nachrichten

Forschung und Lehre

Projekt „Museumskoffer zur Provenienzforschung“ an der Uni Gießen abgeschlossen

Inhalt des Koffers „Die Sammlung Steindorff – gerechte und faire Lösungen finden“. Fotografin: Lena Heinstadt

Inhalt des Koffers „Die Sammlung Steindorff – gerechte und faire Lösungen finden“. Fotografin: Lena Heinstadt

Das von der VolkswagenStiftung geförderte Wissenschaftskommunikationsprojekt „Museumskoffer zur Sammlungs- und Objektforschung − Schwerpunkt Provenienzforschung“ an der Uni Gießen ist erfolgreich beendet worden. Unter der Leitung von Dr. Alissa Theiß und Prof. Dr. Cornelia Weber entwickelten die Projektmitarbeitenden Lena Heinstadt, Uli Michael Hennig, Tessa Marquardt und Anna Maria Spittler fünf Koffer zum Thema Provenienzforschung für Schülerinnen und Schüler. 

Die Materialien sind an die hessischen Schulcurricula angepasst und können von den Lehrkräften ohne aufwendige Vorbereitung direkt eingesetzt werden. Die Museumskoffer sind praxisorientiert und unterstützen Forschendes Lernen. Sie vermitteln Grundlagen der Provenienzforschung, fördern das Verstehen von Sammlungszusammenhängen und sensibilisieren dafür, wie Objekte in Ausstellungen präsentiert werden und wem Kulturgüter gehören. Provenienzforschung befasst sich zwangsläufig mit Fragen der globalen Gerechtigkeit und eignet sich daher auch hervorragend für die demokratische Bildung.

Jeder Museumskoffer nimmt ein anderes Thema in den Fokus: 

„Die Macht des Goldes – eine Skythin erzählt“
Dieser Koffer widmet sich den Skythen und verbindet antike Geschichte mit hochaktuellen Fragen nach kulturellem Erbe, Macht und Gerechtigkeit. Im Zentrum stehen Lebensweise, Kunst und Bestattungskultur dieses eurasischen Reitervolkes. Gleichzeitig wird der Bogen in die Gegenwart geschlagen. Am Beispiel des „Krim-Golds“ wird deutlich, dass archäologische Funde nicht nur Zeugnisse vergangener Zeiten, sondern auch in der Gegenwart politisch wirksam sind. Den Schülerinnen und Schüler wird erläutert, dass kulturelles Erbe nicht neutral, sondern stets in politische Machtverhältnisse eingebettet ist und dass Museen eine gesellschaftliche Verantwortung haben.

„Spuren der Herkunft – Geschichte einer Ethnographischen Sammlung“
Seit wann und auf welchen Wegen gelangen Objekte in Museumssammlungen? Anhand verschiedener Stationen lernen Schülerinnen und Schülern die Ethnographische Sammlung des Museums für Gießen und ihre Objekte kennen und erhalten einen Einblick in die Aufgaben von Museen. Durch die Erforschung der Objekte und ihrer Geschichte werden die Schülerinnen und Schülern selbst zu Provenienzforschenden und vertiefen ihr Wissen zum Thema Kolonialismus.

„Die Sammlung Steindorff – gerechte und faire Lösungen finden“
In diesem Koffer beschäftigen wir uns mit der Sammlung des Ägyptologen Georg Steindorff (1861–1951). Eine objektbasierte Untersuchung von Repliken aus der Sammlung ermöglicht einen praxisnahen Einblick in museumstypische Arbeitsweisen und dient als Ausgangspunkt für eine Einführung in die Provenienzforschung im Kontext von kolonialem und NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut. 

„Privatsammlungen in der DDR – ein Fallbeispiel“
Am Beispiel einer ehemaligen Privatsammlung erhalten Schülerinnen und Schülern einen Einblick in die Zeit von 1986 bis 1988 in der DDR. Im Fokus steht der Fall einer Leipziger Familie, die von den staatlichen Behörden der Steuerhinterziehung beschuldigt wurde. Mit fingierten Steuerverfahren wurden in der DDR immer wieder private Sammler*innen zum billigen Verkauf ihrer Sammlungen gezwungen. Über eine nachgespielte Gerichtsverhandlung setzen sich die Schülerinnen und Schülern mit dem konkreten Fall einer ägyptologischen Privatsammlung auseinander, die sich heute im Ägyptischen Museum der Universität Leipzig befindet.

„Zwangsenteignung in DDR und SBZ“
Dieser Museumskoffer beschäftigt sich mit der Enteignung von Kulturgut in der Sowjetischen Besatzungszone und der ehemaligen DDR. Die Schülerinnen und Schüler können über die Erforschung von Objekten Zugang zu einem Themenkomplex erhalten, der im Schulunterricht meist nur wenig Aufmerksamkeit erhält, und werden für Enteignungskontexte und den Umgang mit musealen Objekten sensibilisiert. 

Die Museumskoffer können bei Sammlungskoordination der Uni Gießen (Sammlungskoordination(at)uni-giessen.de) ausgeliehen werden.

Veröffentlicht am 09.09.2026